Der nachfolgende Text stammt aus dem Buch “Natürlich weiblich – Die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat” von Christa Mulack
Biologische Tatsachen
Als Knabe auf die Welt zu kommen bedeutet eine biologische Benachteiligung, der aber eine soziale Bevorzugung gegenübersteht. Von Anfang an ist die männliche Entwicklung wesentlich stärker gefährdet als die weibliche. Bereits in der vorgeburtlichen Phase haben Knaben geringere Überlebenschancen, denn sie stellen den grösseren Anteil an Fehlgeburten. Diese Tendenz setzt sich weiter fort, und auch bei der Geburt sterben wesentlich mehr Knaben als Mädchen. Dasselbe gilt für alle weiteren Lebensabschnitte.
Als Mann auf die Welt zu kommen ist also mit einem deutlichen Risiko verbunden, da Männlichkeit insgesamt auf schwächeren Füssen steht als Weiblichkeit. Mit Ausnahme von Krankheiten, die die funktionalen Systeme der Fortpflanzung betreffen, sind Männer für alle anderen Krankheiten anfälliger. Frauen verfügen über ein aktiveres und widerstandsfähigeres Immunsystem, was auch eine Erklärung für die wesentlich höhere Anzahl männlicher Aids-Erkrankungen ist. Ausserdem zeigt die Statistik, dass unter den Jugendschizophrenen 70% männlichen und nur 30% weiblichen Geschlechts sind. Auch Autismus kommt bei Jungen viermal häufiger vor als bei Mädchen – und das, obwohl Knaben von Anfang an ein höheres Mass an mütterlicher Zuwendung bekommen als Mädchen. Es dürfte daher äusserst schwierig sein, solche Unterschiede ausschliesslich mit sozialen Bedingungen zu begründen, ohne dabei die biologischen Gegebenheiten zu berücksichtigen.
Auch auf psychischer Ebene stösst die Entwicklung des Knaben auf Schwierigkeiten, von denen das Mädchen nichts weiss. Ungefähr gegen Ende des zweiten Lebensjahres erfährt er, dass er ein Mann werden soll, und dieser ist im patriarchalen Weltbild als das Gegenteil der Frau definiert. Anders als es also die Biologie zeigt, gilt ein Mann nicht als eine konstitutionell schwächere Abbildung des weiblichen Menschen. Das patriarchale Menschenbild sieht den Mann als das “starke” Geschlecht, das Urbild des Menschen, und damit als “Nicht-Frau” bzw. “Anti-Frau”, höherwertig und zum Herrschen bestimmt aufgrund – nicht nachweisbarerer – “besserer” Fähigkeiten.
Die biologischen Gegebenheiten werden also auf sozialer Ebene in ihr genaues Gegenteil verkehrt! Der Knabe wird gezwungen, die primär erlebte Wahrheit zu leugnen, denn in seinen ersten Lebensmonaten erlebte er sich mit der Mutter als Einheit und nicht als ihr Gegenteil. Auf der Grundlage einer patriarchalen Fehleinschätzung lernt der Knabe mit zunehmender Bewusstheit auf unterschwellige Art und Weise zwei Dinge:
1. Es war falsch, dass ich mich mit meiner Mutter eins gefühlt und mich mit ihr identifiziert habe, denn sie ist ja das Gegenteil von mir – nicht männlich, eben weiblich.
2. Meine falsche Identifizierung galt etwas Minderwertigem. Wenn ich ein richtiger Mann werden will, darf ich diesem beschämenden Irrtum nicht wieder erliegen.
Gleichzeitig aber erscheint Männlichkeit für den Knaben noch als etwas ziemlich Diffuses, denn der Vater ist weitaus weniger greifbar und wird – wenn überhaupt – vorwiegend in der Distanz erlebt. Zur Einleitung von Identifikationsprozessen aber bedarf es einer emotionalen Bindung, und diese besteht nun einmal in den meisten Fällen zur Mutter und nicht zum Vater. Daraus resultieren Minderwertigkeitsprobleme, die durch eine weitere frühkindliche Erfahrung verstärkt werden: Obwohl ihm das patriarchale Weltbild vermittelt, er gehöre dem tüchtigeren, wichtigeren und stärkeren Geschlecht an,erfährt der Knabe faktisch etwas ganz anderes. Nicht nur hat er von Anfang an eine schwächere Konstitution, er lernt auch, dass er etwas ihm Wichtiges nicht kann: Er kann selbst keine Kinder bekommen. So resultiert die Identifikation des Jungen mit seiner Mutter oft in einer Rivalitätshandlung gegenüber der Frau, gepaart mit einer Mischung von Neid und Hass. Dies ist ganz eindeutig biologisch bedingt, doch gibt es ganz wesentliche Unterschiede im kulturellen Umgang mit diesen männlichen Problemen. Am stärksten verdrängt werden diese vom “zivilisierten” Patriarchat, was diese Probleme zusätzlich verstärkt und ausgeweitet hat.
Erich Fromm hat dargelegt, dass die übermässige Herstellung vorwiegend nutzloser Produkte als Kompensation männlicher Gebärunfähigkeit verstanden werden muss. Kann der Mann schon keine “lebenden Produkte herstellen”, so muss er seine Produktionskräfte wenigstens mit der Herstellung toter Güter unter Beweis stellen. Diesem aus Verdrängung resultierenden Produzierwahn werden Wälder, Flüsse und die Ressourcen der Erde geopfert mit den absehbaren Folgen globaler Vernichtung.
Trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse wird nicht daran gedacht, das Faktum des männlichen Weiblichkeitsneides in der Erziehung und Sozialisation des Knaben zu berücksichtigen. Für viele sog. “primitive” Kulturen ist es eine Selbstverständlichkeit, diesen Neid der Knaben und Männer in entsprechenden Ritualen zu thematisieren und aufzuarbeiten.
Das Thema geht noch spannend weiter, aber ich will hier niemanden überfordern. Falls Kommentare kommen und sich Interesse zeigt, schreibe ich gerne mehr.






@Martha
Gibt es auch Empfehlungen WIE man das berücksichtigen kann / sollte?
In unserer patriarchalen Gesellschaft wüsste ich keine – deshalb haben wir ja diese Probleme. In anderen Kuturen wurde/wird den heranwachsenden Jugendlichen mit Initiationsriten gezeigt, dass sie von nun an “zu den Männern” oder ggfls. “zu den Frauen” gehören und lernen dabei, sich von der Mutter abzunabeln. Das findet z.B. so statt, dass die Frauen im Dorf ein Tanzfest veranstalten, während sich die Männer auf einem nahe gelegenen Hügel um ein grosses Feuer versammeln. Der Knabe wird erst von den Frauen geschmückt und gefeiert, danach wird er von den Frauen verabschiedet und begibt sich zu dem Lagerfeuer der Männer, wo er mit lautstarkem “Tohuwabohu” empfangen und aufgenommen wird.
Auch wir haben noch solche Initiationsriten, die allerdings meist nur kirchlichen Charakter haben, z.B. Taufe, Kommunion. Damit aber wird kein männlich/weibliches Identifikationsproblem gelöst, sondern nur die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glauben manifestiert.
Wird Euch hier bewusst, wie weit Männer zu gehen bereit sind, um die Unterdrückung der Frauen aufrecht zu erhalten? Dafür machen sie weder vor der Zerstörung des Planeten noch vor der Zerstörung ihrer eigenen Psyche und damit vor der Selbstzerstörung Halt. Das ganze Geschwafel von “Gleichberechtigung” und “liberalem” Denken wird damit zum reinen Lippenbekenntnis. Wenn es wirklich darum geht, an der Situation der Frauen etwas zu ändern, sind Männer ganz schnell weg und haben “weissgott” andere, dringendere Probleme zu lösen!
P.S.: z.B. manipulierte Fussballspiele – allerhöchste Priorität! Da müssen Frauen natürlich warten!
ne aber echt jetzt Martha, du bist viel zu verbittert um irgendwas, was männer und frauen betrifft, nur annähernd gut zu durchleuchten und nach lösungen zu suchen.
Gähn!
http://www.frauenblog.ch/2009/11/20/maennerhaeuser-fuer-geschlagene-maenner/comment-page-2/#comment-632
Wie ist eigentlich in der sprachlichen Gleichstellung der Begriff für Zickenalarm für die männliche Form?
männliche Zicke würd ich sagen… :D
Mein Vorschlag wäre “Geissbock-Alarm”.
Ich möchte hier doch nochmal auf das eigentliche Thema zurück kommen, genauer auf die Initiationsriten, von denen wir gesprochen haben. Ich hatte erwartet, dass jemand eine Verbindung macht zu den Mädchen-Beschneidungen, denn diese Verbindung gibt es durchaus. Auch das sind Initiationsriten, allerdings vom patriarchalen System zu dieser Brutalität pervertiert. HERRSCHAFT, MACHT UND ZWANGSMORAL sind die Insignien des Patriarchats!
mein gott bist du peinlich :D
Ich will dir jetzt mal was sagen, dauert nur 3 sekunden: In unsere Gesellschaft kann jeder alles erreichen und sein glück finden, wenn er nur etwas fähig ist und ein wenig glück hat, ob man oder frau. streif die opferrolle ab und mach was aus deinem leben mädchen.
@macho
ja genau!!
mit Betonung auf wenn ER !!!
du machst es dir sehr einfach. wenn die welt nur schwarz weiss wäre…
.@Aletheia
Da bin ich mal kurz weg und sehe dann mit Erstaunen, was sich hier so alles tut! Danke für Deinen Einsatz in meiner Abwesenheit.
Ich stelle einmal mehr fest: SCHUSS INS SCHWARZE!
Da werden sich Männer wie macho:p aber bald warm anziehen müssen.
Gibt es hier auch sachliche Gegenargumente, oder wird hier nur dumm rum gepöbelt? Ich finde es sehr spannend pro und kontra zu lesen, aber ehrlich gesagt empfinde ich es hier zeitweise wie bei meinen 3 und 5 jährigen Kinder…
@macho:p
Hast du eine Ahnung wie alt Martha ist? Oder was sie aus ihrem Leben bisher gemacht hat? Du nennst sie Mädchen, was in meinen Augen ziemlich respektlos daher kommt! Dennkst du nicht, dass du dich etwas im Ton vergreifst?
@Carmen
“Mädchen” ist gar nicht so übel – bin Schlimmeres gewohnt und hart im Nehmen. Trotzdem: Es gibt ja doch Frauensolidarität! Das freut mein Feministinnen-Herz. Danke!
Ob vielleicht folgende Fragen an dieser Stelle helfen könnten, von Schlagabtausch wieder zur Sache zu kommen:
Wer kümmert sich um die heranwachsende Männerbrut ?
Wer hilft ihr, die beklagte Art zu lernen?
Was haben diejenigen, die sich kümmern, auf diese Art zu gewinnen ?
Sind die Gewinne es wert, nichts zu ändern ?
Oder ändert sich was ?
Pardon Martha, dass ich wieder damit komme.
Carmen hat sich an anderer Stelle auch schon dazu geäussert (sh Kategorie Allgemein, Männerhäuser …, Nr 46) und legt dar, warum ein Vorankommen behindert werden kann, auch wenn Ansätze zu Einsichten da sind.