Zwischen 100 und 140 Mio. Mädchen und Frauen leiden weltweit an den Folgen der Verstümmelung ihrer Genitalien, und auch in Europa sind durch Migration aus Afrika immer mehr Frauen von diesem Schicksal betroffen. Eine Konferenz an der Medizinischen Universität Wien http://www.meduniwien.ac.at widmet sich diesem Problem und den Möglichkeiten seiner Prävention. Als “Beschneidung weiblicher Genitalien” (Female Genital Mutilation, FGM) bezeichnet die WHO “alle Verfahren, welche die teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren Genitalien zum Ziel haben, sei es aus kulturellen oder anderen nichttherapeutischen Gründen”. Dieser Eingriff, der in verschiedenen afrikanischen und asiatischen Kulturen weit verbreitet ist, bereitet den betroffenen Mädchen und Frauen häufig lebenslange körperliche Leiden, sexuelle Funktionsstörungen, Infektionen bis hin zu schweren psychischen Traumata. Wichtigster Grund des Fortbestehens dieser Praxis sind kulturelle Vorstellungen. “In mehreren Traditionen denkt man noch immer, eine unbeschnittene Frau sei unrein und könne keine gute Ehefrau oder Mutter sein.
Die Communitys setzen Eltern häufig unter hohen Druck, die Genitalien der Tochter verstümmeln zu lassen, um sie somit heiratsfähig zu machen”, erklärt Tanja Dedovic von der Internationalen Organisation für Migration http://www.iomvienna.at im pressetext-Interview. Diese Denkweise trotzt sowohl dem Wissen um die hohen gesundheitlichen Gefahren des Eingriffs als auch dem Bewusstsein seiner Strafbarkeit in vielen Ländern Europas.
“In Österreich drohen den Eltern oder den Personen, die die Operation durchführen, bis zu zehn Jahre Haft. In manchen Ländern gibt es Spitäler, die FGM unter der Begründung durchführen, dass sie damit medizinische Sicherheit und Hygiene gewährleisten.” Wo es verboten ist, besuche man Wohnungen von Beschneiderinnen, manche würden sogar in den Sommerferien in ihr Heimatland fahren, um den Eingriff vorzunehmen.
“Strategien gegen FGM sind in Afrika schon weiter entwickelt als in Europa”, so Dedovic. Die überstaatlich agierende NGO Donors Working Group http://www.fgm-cdonor.org setzt dabei auf den Empowerment-Ansatz, der einen Dialog der Gemeinden mit offenem Ausgang anstrebt.
“Neue Erkenntnisse über FGM werden dabei weitergegeben, was den Menschen die Möglichkeiten geben soll, eigene Werthaltungen und Denkmuster zu hinterfragen. Beschließt eine Gemeinde, von der FGM-Praxis abzuschwören, wird sie zu einer öffentlichen Deklaration ermuntert, die im Radio oder Fernsehen ausgestrahlt wird.” Das Konzept scheint aufzugehen, denn 5.000 Gemeinden haben bisher eine solche Erklärung geleistet und bewirkten damit einen zumindest 60-prozentigen Rückgang von FGM innerhalb der besagten Gemeinden. Als wichtig erachtet Dedovic in allen Fällen gesetzliche Grundlagen. Seit einem Jahrzehnt ist der Kampf gegen FGM nicht mehr bloß Sache der NGOs. “In allen 28 betroffenen Länder Afrikas gibt es staatliche Bemühungen, FGM einzudämmen, etwa durch gesetzliche Verbote oder nationale Aktionspläne.” Europa befindet sich im Hintertreffen, was bisherige Maßnahmen gegen FGM betrifft.
“Meist wird die Diskussion um weibliche Genitalverstümmelung zum Teil der Integrationsdebatte gemacht. Afrikanische Einwanderer müssten in Europa das FGM-Verbot anerkennen, um sich zu integrieren, so das häufige Argument”, berichtet die Migrationsexpertin. Eine Fortsetzung der FGM-Praxis sei jedoch kein Zeichen von fehlendem Integrationswillen, sondern von fehlendem Integriert-werden.
“Je stärker Gruppen in einer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, desto mehr grenzen sie sich auch gegenüber der Mehrheitsbevölkerung im Zielland ab und konzentrieren sich auf vertraute Traditionen, wozu FGM gehört”, betont Dedovic. Ohne effektiver Integration der Betroffenen sei jedoch keine Verhaltensänderung denkbar.
Dazu gehört das Anbieten von Alternativen. “Wenn afrikanische Mädchen die Chance haben, statt dem Schulabbruch aus gesundheitlichen Gründen ihre Ausbildung weiter zu führen, Zugang zum Arbeitsmarkt und damit ein eigenes Einkommen zu erhalten, erleichtert dies den Familien den Entschluss, auf FGM zu verzichten.” Um zu einer Verhaltensänderung beizutragen, brauchen mit FGM konfrontierte Berufsgruppen großes Feingefühl. “Sozialarbeiter oder Angestellte im Gesundheitswesen müssen äußerst vorsichtig vorgehen, damit die Betroffenen den Kontakt nicht frühzeitig abbrechen”, so Dedovic.
Wichtig sei daher die Aufklärung, Information und Kommunikation relevanter Gruppen der Öffentlichkeit. Das ist zugleich auch eine zentrale Strategie FGM-Aktionspläne von 15 europäischen Ländern, die heute, Montag, in Wien auf einer Konferenz zum aktuellen Stand von Behandlung und Prävention von FGM stattfindet. Die Aktionspläne setzen unter anderem auf das gezielte Training von medizinischem Personal, Lehrern, Journalisten, Politikern, religiösen Führern sowie Mitgliedern der afrikanischen Communitys. Veranstalter der Konferenz sind neben der Medizinischen Universität Wien das Frauengesundheitszentrum FEM Süd und das Wiener Programm für Frauengesundheit.
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[ Quelle: http://pressetext.com/news/090629031/ ]
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