Die Rechtfertigung des Eingriffs
Manche der geschilderten Folgen sind auch den unmittelbar Beteiligten bekannt, werden aber anderen Ursachen zugeschrieben. Es ist sehr erstaunlich, dass sich eine derart grausame Praxis über Jahrtausende halten konnte – man wird dahinter machtvolle Rechtfertigungen vermuten.
Die Macht ist allerdings schon durch die Praxis belegt, es fragt sich also, welches die Gründe sind. Auf diese Frage finden sich in den betroffenen Kulturen zahlreiche Antworten, die meist in Kombination auftreten, also pseudowissenschaftliche, pseudohygienische, pseudomedizinische und religiöse oder traditionelle Begründungen. Hier werden nur die wichtigsten Gruppen skizziert.
Der Islam?
Weit verbreitet ist die Auffassung, mit der WGV werde ein Gebot des Islam befolgt. Es finden sich aber Aussagen, welche dieser These überzeugend widersprechen. Wie es sich damit «objektiv» verhält, ist freilich ohne Interesse. Es ist eine Tatsache, dass in gewissen Gegenden auch von islamischen Geistlichen die Meinung vertreten wird, Allah verlange diese «Reinigung». Und es scheint festzustehen, dass Mohammed jedenfalls die Gelegenheit, sich gegen die WGVzu äussern, nicht genutzt hat. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die WGV auch ausserhalb des Einflussbereichs des Islam vorkommt. Es gibt also Zusammenhänge zwischen WGVund Islam, aber es handelt
sich dabei nur um eine von mehreren Begründungen.
Pseudomedizinische Begründungen
Regelmässig werden pseudorationale medizinische Gründe angerufen. So wird die Meinung vertreten, das natürliche weibliche Genital sei unrein, was Infektionen befördere; die Klitoris könne bei der Geburt den Säugling verletzen; die Klitoris sondere giftige Sekrete ab, welche den Mann vergiften oder impotent machen könnten; die Klitoris riskiere so sehr zu wachsen, dass Geschlechtsverkehr unmöglich würde.
Ästhetische Gründe
Es wird die Meinung vertreten, die Vulva sehe hässlich und unordentlich aus, besonders wenn die inneren Labia sichtbar würden. Durch die WGV werde der Körper der Frau ästhetisch akzeptabel, zudem führe der Eingriff zu einem schöneren Gesicht.
Unterdrückung der weiblichen Sexualität
Die WGV wird auch explizit als Massnahme gegen übermässige sexuelle Aktivität der Frau gerechtfertigt. Sie soll von der als schädlich angesehenen Masturbation abhalten und vorehelichem Geschlechtsverkehr vorbeugen, wobei es allerdings auch Gesellschaften gibt, die solchen Erfahrungen gegenüber tolerant sind; dort wird die WGV erst kurz vor der Verheiratung vorgenommen.
Tradition
Wichtigste und stärkste Triebfeder der WGV dürfte die Tradition sein. Aus dem Wissen, dass die Verschneidung seit unvordenklichen Zeiten praktiziert wird, ergibt sich der Schluss, dass es sich dabei um etwas absolut Notwendiges handle, es wirkt also die normative Kraft des Faktischen. Die Vorstellung der Männer wird in der Weise geprägt, dass sie sich von unverstümmelten Frauen abgestossen fühlen, sie als unrein empfinden und nicht bereit sind, sie zu heiraten. Die ganze Gesellschaft ächtet Frauen, an denen keine WGV vorgenommen wurde.
Quelle und weitere Informationen:
http://www.unicef.ch/de/index.cfm
http://assets.unicef.ch/downloads/UNI_Rechtsgutachten_WGV_de.pdf





