Die meisten Menschen sind der Meinung, dass sie reich sind, wenn sie materielle Güter anhäufen. Ich halte es da doch lieber mit Friedrich Nietzsche, der gesagt hat:
„Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave“.
Ich finde, ein Mensch ist umso reicher, je mehr er über seine Zeit selbst verfügen kann.
Im Wesentlichen können nach meinen Erfahrungen beim Umgang mit der Zeit drei Typen von Menschen unterschieden werden.
Der erste Typ kann als Zeitplaner bezeichnet werden. Es sind diejenigen, die ihren Tagesablauf beinahe auf die Minute genau verplanen. Das Resultat dieser Zeitbewirtschaftung ist, dass sehr viel Fremdbestimmung den Kalender beherrscht, wenig Flexibilität für Unvorhergesehenes möglich ist. Am Schluss des Tages merken sie, dass für die Familie, die Freunde und Bekannten, geschweige denn für ihre eigenen Bedürfnisse, keine Zeit vorhanden war.
Der zweite Typ kann als Zeitchaote benannt werden. Dies sind die armen Zeitgenossen, die sehr häufig immer zu spät erscheinen und dann meist noch früher wieder gehen müssen (wegen anderweitiger, unaufschiebbarer Verpflichtungen), die sich für alle möglichen Veranstaltungen anmelden und dann kurz vorher absagen müssen (meist unanständigerweise auf die Entschuldigung verzichtend). Sie kommen angeblich mit sehr wenig Schlaf aus, dann aber dafür während ihrer Wachzeit mehr oder weniger unauffällige Halbschlafzeiten einlegen müssen. Ihre Zeiteinteilung leidet unter dauerndem Wechsel der Prioritäten. Der Umgang mit ihnen wirkt immer ein wenig gehetzt und der Eindruck entsteht, es gäbe für sie immer noch Wichtigeres als den gerade wahrgenommenen Termin, was im Übrigen durchaus beleidigend ist.
Den dritten Typ kann man als Zeitkünstler beschreiben. Sie verfügen immer über das Gut Zeit, machen keinen gehetzten Eindruck, kommen nicht zu spät; sie haben die Verfügungsfreiheit über die eigene Zeit. Nur wer sich in der Vergabe seiner Zeit unabhängig fühlt, kann Prioritäten festlegen und seine Zeit den Angelegenheiten und Dingen widmen, die mutmasslich den grössten Nutzen stiften. Nur wer seinen Kalender nicht a priori total verplant hat, hat die Möglichkeit, seinem Leben die Qualität freien Tuns und Lassens zu verschaffen, ja, er kann auch einmal Zeit schenken.
Was meint Ihr zum Thema Zeit, liege ich falsch oder ist ein Körnchen Wahrheit in meiner Auslegeordnung enthalten?






Darin liegt viel mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Die Realität allerdings sieht so aus: Hast Du Zeit, hast Du kein Geld – hast Du Geld, hast Du keine Zeit. In dieser Sache steckt System: Wir sollen keine Zeit haben, denn sonst kämen wir ja zum Nachdenken. Würden wir nachdenken, würde uns bewusst, in welchem Hamsterrad wir uns tagein, tagaus drehen und nie zum Ziel kommen. Ein solches Nachdenken aber muss mit aller Kraft verhindert werden. Das wird dadurch erreicht, dass man uns keine Zeit lässt. Willst Du materiell überleben, musst Du im Hamsterraddrehen mitmachen, möglichst 24 Stunden am Tag…die Geschichte mit dem Reiter auf dem Esel, der an einer Rute eine Karotte vor dem Esel her trägt. Wir alle sind die Esel, die unermüdlich hinter dieser Karotte her rennen, sie aber nie erreichen werden. Um den Esel nicht ganz zu vergraulen, lässt man ihn ab und zu in die Karotte beissen. Die ganze Karotte aber darf er nie kriegen, sonst würde er nicht mehr weiter rennen. Nur so können Wirtschaft, Kapitalismus und Patriarchat aufrecht erhalten bleiben.